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„Austausch beginnt im Kopf – Frankreich lohnt sich“


11. Mai 2017 - Wochen der Berufsausbildung in Frankreich, semaines de formation professionelle en Bonn/Rhein-Sieg

Plakat

Broschüre

 

Unter diesem Slogan fand am 11. Mai eine Veranstaltung der Deutsch-Französischen Gesellschaft Bonn und Rhein-Sieg e. V. als Beitrag zur Europawoche 2017 statt. Die Veranstaltung war der Abschluss und Höhepunkt des Projekts „Werbung für den Austausch in der beruflichen Bildung zwischen Deutschland und Frankreich in der Region Bonn/Rhein-Sieg“. Mit diesem Projekt hatte die Gesellschaft erfolgreich am Wettbewerb des Ministers für Bundesangelegenheiten und Europa des Landes Nordrhein-Westfalen teilgenommen, was eine Förderung mit Mitteln in Höhe von bis zu 2000 € einschloss. Die Mittel sind nicht in dieser Höhe in Anspruch genommen worden, obwohl eine Vielzahl von Aktivitäten, von denen später zu berichten ist, durchgeführt wurden. Der Deutsch-Französischen Gesellschaft Bonn und Rhein-Sieg e.V. kommt es mit diesem Vorhaben darauf an, mit den Mitteln der Zivilgesellschaft im Bereich ihrer besonderen Kompetenz Aufmerksamkeit für wichtige Aktionsfelder zu erzeugen und neue Anstöße für eine immer engere Verbindung unserer beiden Länder zu geben.

Die hochrangige Podiumsdiskussion unter Einschluss eines kompetenten, wenn auch nicht übermäßig zahlreichen Publikums lieferte durchaus die Anstösse, die erhofft waren. Wie weit ist es denn in den Köpfen, dass die Internationalisierung der beruflichen Bildung nicht nur ein elementares Erfordernis für eine so sehr exportorientierte Wirtschaft wie der deutschen ist, sondern auch das erklärte und beschlossene Ziel sowohl der Europäischen Union als auch der Bundesregierung und des Landes Nordrhein-Westfalen darstellt? Ministerialrat Peter Thiele vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, Leiter des Referats Grundsatzfragen der beruflichen Aus- und Weiterbildung, legte diese Beschlusslage dar, verdeutlichte den Bedarf an internationalen Kompetenzen auf allen Ebenen des Wirtschaftslebens und hatte vor allem zwei Forderungen: Man muss die Strukturen stärken, die den Austausch tragen, und man muss die Qualität der Maßnahmen sichern und zum Teil anheben. Frankreichkompetenz ist eine wertvolle Kompetenz, die selbstverständlich verschiedene Stufen kennt und als gut zertifizierte Qualifikation im Bereich der beruflichen Bildung zu erwerben und anerkannt sein sollte.

Hier setzt die Arbeit der Kammern und der Berufskollegs ein. Frau Rebecca Hof, Projektreferentin der Handwerkskammer Düsseldorf, berichtete engagiert aus ihrer Arbeit als Mobilitätsberaterin der Wirtschaft. Die Industrie- und Handelskammern und die Handwerkskammern haben bundesweit ein Netz von Beratungsstellen aufgebaut, die die Internationalisierung der Berufsbildung vorantreiben sollen (vgl. www.berufsbildungohnegrenzen.de). Hier waltet die Mühe der Ebene. Viele Betriebe sind interessiert, sich international aufzustellen, aber doch zögerlich oder gar ablehnend, ihre Auszubildenden für den Auslandsaufenthalt für 3Wochen freizustellen oder auch im Gegenzug ausländische Azubis für eine entsprechende Zeit aufzunehmen. Befriedigung verschafft, dass es doch gelingt, einzelne Maßnahmen, z.B. für Azubis im Schreinerhandwerk, aufzulegen und andere Interessenten erfolgreich weiter zu vermitteln. Es hängt aber doch sehr viel an dem fabelhaften Engagement der Berater und Beraterinnen wie Rebecca Hof. Ist das eine stabile Struktur zur Sicherung eines so wichtigen Zweckes wie es die Einrichtung des wirtschaftlichen Laufbandes mit dem für die deutschen Exporte zweitwichtigsten Land (nach den USA) ist? Entsprechend gilt das natürlich auch für die Importe.

Engagement und Begeisterung sind auch das tragende Element an den Berufskollegs. Der Leiter des Friedrich-List-Berufskollegs Bonn, Herr Hermann Hohn, unterstützt durch die in diesem Kolleg für den Austausch mit Frankreich verantwortliche Lehrerin, Frau Daniela Jacob, legte zunächst einmal den hohen Wert dieser Maßnahmen für die Jugendlichen und für die Berufskollegs selbst dar. Die große pädagogische Bedeutung des Austausches zeige sich darin, dass Teilnehmer auch mit wenig Auslandserfahrung und einem oft eher geringen Selbstwertgefühl nach den drei Wochen des Lernens und Arbeitens als Gast in französischen Betrieben geradezu verändert aufträten. Für engagierte Lehrer bereitet das Freude, wenngleich die mit der Förderung verbundene Papierarbeit erheblich belastend sei. Aber was ist mit Schulen, wo sich diese engagierten Lehrer nicht finden? Zum Glück waren Vertreter anderer Berufskollegs im Saal, die Ähnliches betreiben oder vorhaben. Die Region Bonn/Rhein-Sieg ist immerhin in der glücklöichen Lage, dass vier der acht Berufskollegs der Region feste Austauschbeziehungen mit Partnereinrichtungen in Frankreich haben. Die Berufskollegs sind derzeit die tragenden Säulen für die Internationalisierung der Berufsbildung. Sie können viel leisten, aber doch nur, wenn die Konstellation so günstig ist, wie es beim Friedrich-List-Berufskolleg der Fall ist.

Ein solches Beispiel ist ein Glücksfall für das Deutsch-Französische Sekretariat für den Austausch in der beruflichen Bildung, das seit 1980 in Saarbrücken angesiedelt ist. Herr Frédérik Stiefenhofer, deutscher Leiter im deutsch-französischen Team des Instituts, konnte darlegen, dass man dort schon vor einiger Zeit den 100.000sten Austauschteilnehmer gefeiert habe. Über 1000 Teilnehmer kämen jährlich hinzu. Diese Einrichtung ist auf den bilateralen Austausch zwischen Deutschland und Frankreich spezialisiert, was den Vorteil mit sich bringt, in beiden Ländern über z.T. lang bestehende Netzwerke zu verfügen. Dennoch ergeben sich immer wieder neue Schwierigkeiten, um neue Partnerschaften einzurichten oder bestehende zu pflegen. Einen besonderen Vorteil bietet die Förderung durch das Sekretariat mit einer wirkungsvollen Unterstützung des Spracherwerbs: Vorgesehen sind 40 Stunden vorbereitender Sprachunterricht, ein sog. Tandemsprachkurs während der ersten Woche des Aufenthaltes im anderen Land, wo Jugendliche aus beiden Ländern gemeinsam unterrichtet werden und mit erstaunlich neuer Motivation voneinander lernen. Dass über das Institut auch Weiterbildungsmaßnahmen gefördert werden können, war anzuführen (vgl. www.dfs-sfa.org), stand hier aber nicht im Mittelpunkt.

Auf den Austausch in der beruflichen Erstausbildung konzentrierte sich daher auch Herr Berthold Hübers, Teamleiter Mobilität und Internationalisierung der Berufsbildung in der Nationalen Agentur Bildung für Europa beim Bundesinstitut für Berufsbildung. Föderinstrument ist hier insbesondere das Programm ERASMUS+ der Europäischen Union (vgl. www.na-bibb.de). Dieses Programm umfasst alle Bereiche der Bildung und erreicht mit einem Budget von über 14 Milliarden € für die Jahre 2014 bis 2020 auch über die EU hinaus zur Zeit über 30 Staaten. Der jährliche deutsch-französische Anteil liege bei etwa 1600 Teilnehmern. Nimmt man die aus Saarbrücken gförderten Teilnehmer hinzu, ergibt sich insgesamt eine Quote von deutschen Azubis im Austausch mit Frankreich in einer Grüßenordnung von etwa 3000 pro Jahr. Ist das viel? Ist das wenig? Für den jeweiligen Ausbildungsjahrgang ergäben sich, sagen die Experten, in der Regel höhere Werte, da der Auslandsaufenthalt ja nicht immer in dasselbe Ausbildungsjahr falle. Hier lassen sich Statistiken interpretieren. Insgesamt ergibt sich aber, dass der Austausch mit Frankreich trotz des beachtlichen Aufwandes der ERASMUS+-Förderung und trotz des zusätzlichen besonderen Förderinstruments des Saarbrücker Sekretariats offenbar über den Durchschnitt der Austauschzahlen kaum hinaus kommt.

Dazu war besonders von Peter Thiele und Berthold Hübers zu lernen, dass der Europäische Rat 2012 in einem Beschluss einen Benchmark, wie das so trefflich im EU-Jargon heißt, gesetzt hat, dass bis 2020 6% aller Auszubildenden in der Union an einer Ausbildungsmaßnahme im Ausland teilgenommen haben sollen. Die Bundesregierung hat angesichts der Bedeutung einer solchen Ausbildung für die deutsche Wirtschaft, natürlich in Übereinstimmung mit eben dieser Wirtschaft selbst, diesen Benchmark auf 10 % erhöht, was sich auch das Land Nordrhein-Westfalen zu eigen gemacht hat. Heute liege die erreichte Quote, so Berthold Hübers, bei etwa 5 %. Rechnet man im Anschluss an die Diskussion nach, so ergibt sich, dass bei 1,3 Millionen Auszubildenden (Stand 2015) rund 130.000 Austauschteilnehmer erreicht werden müssten (10 %) und rund 65.000 erreicht sind (5 %). Dies umfasst den Austausch in alle Länder, einschließlich der besonders nachgefragten englisch- und deutschsprachigen Länder. Ein realisierter Austausch mit Frankreich mit etwa 3000 jährlichen Teilnehmern käme dann in den Bereich von 5% an der Zahl der Teilnehmer insgesamt.

Wie lässt sich dieser Anteil steigern? Wie ließe sich nicht nur der Anteil der Austauschteilnehmer an der Zahl der Azubis insgesamt, sondern wegen der besonderen Bedeutung unseres Nachbarlands Frankreich, das durch den Brexit noch an Gewicht gewinnen wird, auch der relative Anteil dieses Austausches verbessern? Hier gab es lebhafte Diskussionen, die immer wieder auf die von Peter Thiele eingeführten Forderungen zurückkamen: Strukturelle Sicherung und qualitative Aufwertung. Die strukturelle Sicherung muss sich zuerst an die Akteure richten.

Kann man Berufskollegs dafür gewinnen, Lehrer in gezielte Fortbildungen für das Management solcher Austauschmaßnahmen zu entsenden? Die Kollegs wollten wohl gern, aber die Politik muss Voraussetzungen dafür schaffen. Wie kann man die Ausbilder einbinden? Sie haben den vielleicht größten Einfluss auf die Auszubildenden und können zugleich die Betriebe wirkungsvoll an die Aufgabe heranführen. Es gibt eindrucksvolle Belege dafür, dass Betriebe im Wettbewerb um leistungsfähige Auszubildende mit der Aussicht auf eine Teilnahme an Auslandsaufenthalten punkten und dass sie solche Teilnahmemöglichkeiten auch als Incentives im Betrieb einsetzen. Aber dies ist eine eher verschwindende Minderheit. Eine Umfrage unter rund 100 Betrieben hatte im Vorfeld ergeben, dass lediglich 12, also 12 %, sich für einen solchen Austausch interessiert oder direkt engagiert zeigten Aus der großen Zahl der Nichtantworter ergibt sich dabei eine große Dunkelziffer. (vgl. www.dfg-bonnrheinsieg.de) Hier bleibt viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Die Kammern sind gefragt, für das Ganze vielleicht an der Spitze die Deutsch-Französische Industrie- und Handelskammer, die am 23. März mit einigem Pomp in Paris den 4. Berufsbildungstag mit dem Schwerpunkt Mobilität durchgeführt hat (vgl www.berufsbildungstag.com), für die Region jedoch die örtlichen Kammern. Bei einer geplanten Veranstaltung der IHK Bonn/Rhein-Sieg zur Frage der regionalen Wirtschaftsbeziehungen mit Frankreich sollte auch die Aufgabe der Qualifizierung des Personals eine wichtige Rolle spielen.

Hier begann im Kreise der Experten und beim Moderator, der mit diesem Artikel als Berichterstatter auftritt, das konstruktive Wünschen und Konzipieren: Man sollte die Kammern dafür gewinnen, selbst in größerem Stile Fachgruppenprojekte durchzuführen wie sie durch das Saarbrücker Sekretariat gefördert werden können und wie sie insbesondere die sog. Poolprojekte des Programms ERASMUS+ erlauben. Ein erster Schritt wäre wohl ein Benchmark der Deutsch-Französischen Industrie- und Handelskammer als Selbstverpflichtung in der Form einer Resolution beim nächsten Berufsbildungstag.Trotz der selbstverständlich notwendigen Ordnung im Förderwesen müssten Möglichkeiten zu einer noch umfassenderen Beteiligung und zur Entlastung der Berufskollegs gefunden werden. Das dürfte auch eine Steigerung der Fördermittel nötig machen. Und wie könnte man die Betriebe für eine Investition in ihre Frankreichkompetenz gewinnen? Richtig ist, dass der Bedarf noch viel zu wenig bekannt ist. Eine größere Studie über den Frankreichbezug der Betriebe der Region Bonn/Rhein-Sieg und über den damit verbundenen Personaleinsatz wäre sehr hilfreich. Es liegt aber auf der Hand, dass kompetentes Personal auf allen Ebenen den Geschäftsverkehr erheblich erleichtert. Herr Hübers berichtete amüsant von dem sog. 00-Problem in den Betrieben. Auch wenn andere Assoziationen möglich sind, ist damit gemeint, dass es sehr oft ein Zögern und Ausweichen gibt, wenn mit der Vorwahlkennung 00 ein Telefongespräch aus dem Ausland eingeht. Wer nimmt das Gespräch an, wer kann das am besten? Hier knüpfte die konsequenteste Weiterführung des Fachgesprächs an. Es dürfte sinnvoll sein, kompaktere Ausbildungsformen für die Frankreichkompetenz zu entwickeln als Teil der Erstausbildng oder als Zusatzausbildung. Diese müssten klar über die drei Wochen Auslandserfahrung hinausgehen, die heute vorwiegen, und entsprechend verlässlich zertifiziert werden. Das würde eine Erweiterung und zum Teil auch Neukonstruktion der heutigen Förderinstrumente notwendig machen.

Mit einer solchen Aufwertung der internationalen Aspekte der Berufsbildung ginge nicht nur eine Aufwertung der Berufsbildung einher, sondern es wäre auch ein Motivationsschub bei den Auszubildenden zu erwarten. Es ist ja nicht zu übersehen, dass es auch bei den Jugendlichen selbst Vorbehalte, Trägheiten und Ängstlichkeiten gibt, die sie von der Teilnahme an Austauschmaßnahmen abhalten. Mit dem Plakat für die Veranstaltung, das an die Berufskollegs und andere Einrichtungen verteilt worden war, sollten insbesondere auch die Jugendlichen angesprochen werden: Austausch mit Frankreich eine tolle Erfahrung....“Ja, ich will es!“ So war da zu lesen. Ob sich viele angesprochen gefühlt haben? Wenn man die Beteiligung Jugendlicher an der Informations- und Diskussionsveranstaltung zum Maßstab nimmt, muss man leider zu einem negativen Schluss kommen. Aber der Austausch beginnt im Kopf. Es sollte möglich sein, die Jugendlichen in beiden Ländern stärker für die Teilnahme an Austauschmaßnahmen zu motivieren und zugleich das Interesse und Engagement der Betriebe zu erhöhen, wenn die Austauschmaßnahmen gleichsam zweistufig angelegt wären und konsequent in dieser Perspektive vermarktet würden. Auf eine Stufe der Heranführung, die den derzeitigen in der Regel dreiwöchigen Auslandsaufenthalten entsprechen würde, sollte eine Stufe der Zusatzqualifikation, die in der Regel auch mit besseren Berufs- und Verdienstchancen einhergeht, folgen. Man sollte solche Vorstellungen in Deutschland und in Frankreich verfolgen. Viele Menschen und Betriebe wie auch beide Länder könnten davon profitieren, und Europa auch.

Der Vollständigkeit halber ist nachzutragen, dass das Projekt der Deutsch-Französischen Gesellschaft Bonn und Rhein-Sieg e.V. „Werbung und Austausch in der beruflichen Bildung zwischen Deutschland und Frankreich in der Region Bonn/Rhein-Sieg“ 3 Briefaktionen (an die deutsch-französischen Partnerschaftsvereine der Region, die Berufskollegs sowie die genannten rund 100 Betriebe) umfasste. Plakataktionen und Besuche von Berufskollegs sowie zwei Treffen mit deutschen und französischen Austauschteilnehmern kamen hinzu, ebenso der Besuch von zwei Ausbildungsbörsen mit Gesprächen an den Ständen der Ausbildungsanbieter und die Werbung am Stand der Deutsch-Französischen Gesellschaft am Europatag. Schließlich ist auch auf die zahlreichen Kontakte mit den Kammern, den Förderinstitutionen und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung zu verweisen. Die Presse hat verschiedentlich, wenn auch nicht ausreichend, berichtet. Unter dem Strich ist die Region für das Projekt umfassend angesprochen worden. Ein neuer Anlauf sollte es aber doch nicht versäumen, auch von den Möglichkeiten der sozialen Netzwerke vollständigen Gebrauch zu machen.

Hinweis: Die Ausführungen stellen die Wahrnehmungen und Schlussfolgerungen des Autors dar. Sie verpflichten die zitierten Experten nicht.

Dr. Hermann Müller-Solger

Deutsch-Französische Gesellschaft Bonn und Rhein-Sieg e.V.